Ein Wasserzeichen in einem KI-Text ist keine sichtbare Kennzeichnung. Es ist eine Verschiebung in der Wortauswahl, die kein Mensch bemerkt und ein Prüfprogramm mit dem passenden Schlüssel erkennt.

Wie es technisch geht

Ein Sprachmodell wählt bei jedem Wortstück aus einer Liste von Kandidaten mit Wahrscheinlichkeiten. Häufig sind mehrere davon praktisch gleichwertig: „erheblich“, „deutlich“, „merklich“ – der Text wird mit jedem davon gut.

Ein Wasserzeichenverfahren teilt diese Kandidaten mithilfe eines geheimen Schlüssels in zwei Gruppen und bevorzugt beim Erzeugen systematisch die eine. Über hundert Wortstücke hinweg entsteht dadurch eine statistische Auffälligkeit, die im Zufall nicht vorkäme. Wer den Schlüssel hat, kann sie messen und mit hoher Sicherheit sagen: Dieser Text stammt aus diesem Modell.

Warum man es nicht sieht

Weil nur zwischen etwa gleichwertigen Möglichkeiten verschoben wird. Der Text bleibt sprachlich einwandfrei. Es gibt keine unsichtbaren Zeichen, keine besonderen Leerzeichen, nichts, was ein Editor anzeigen könnte. Kopieren, neu formatieren und in ein anderes Programm einfügen ändert daran nichts.

Warum das eine gute Idee ist

Das Problem, das damit gelöst werden soll, ist real. Prüfungsleistungen, gefälschte Rezensionen, massenhaft erzeugte Desinformation, angebliche Augenzeugenberichte – für all das wäre eine verlässliche Herkunftsprüfung nützlich. Die KI-Verordnung der EU verlangt für bestimmte Fälle ohnehin eine Kennzeichnung.

Wir halten das für einen legitimen Zweck. Wer Wasserzeichen einsetzt, tut nichts Anrüchiges.

Warum wir trotzdem keine setzen

Weil die Entscheidung beim Falschen liegt.

Wenn Sie einen Text erzeugen lassen, ihn überarbeiten, ergänzen und veröffentlichen, tragen Sie eine Markierung weiter, über die Sie nicht entschieden haben, die Sie nicht sehen und nicht entfernen können. Prüfen kann sie nur der Anbieter, der den Schlüssel hält – nicht Sie.

Drei Fälle, in denen das konkret wird:

  • Die Bewerbung. Ein Anschreiben, sprachlich unterstützt formuliert und inhaltlich vollständig selbst verantwortet. Sollte es später als „KI-generiert“ eingestuft werden können?
  • Das Kundenprojekt. Eine Agentur liefert Texte. Der Kunde veröffentlicht sie unter eigenem Namen. Eine unsichtbare Markierung eines dritten Unternehmens geht mit – ohne dass jemand in der Kette davon weiß.
  • Der Schriftsatz. Ein Entwurf, fachlich geprüft und unterschrieben von einem Menschen, der die Verantwortung trägt. Die Markierung sagt darüber nichts – aber sie legt etwas nahe.

Der Einwand, und er ist berechtigt

Man kann dagegenhalten: Wer nichts verbergen will, stört sich nicht an einer Markierung. Das Argument ist nicht dumm, und es hat trotzdem eine Lücke.

Eine Markierung sagt nur, dass ein Modell beteiligt war. Sie sagt nichts über den Anteil, nichts über die Prüfung und nichts über die Verantwortung. Genau das ist aber die Frage, die zählt. Ein vollständig maschinell erzeugter, ungeprüfter Text und ein von Hand überarbeiteter Entwurf tragen dieselbe Markierung – und werden von jedem, der sie findet, gleich behandelt.

Ein Werkzeug, das nicht zwischen sorgfältiger und nachlässiger Arbeit unterscheidet, aber beide dem Verdacht aussetzt, ist kein gutes Werkzeug.

Was das praktisch heißt

📝Für Redaktionen

Der Text, den Sie bekommen, ist der Text, den das Modell erzeugt hat. Keine Nachbearbeitung, keine Verschiebung der Wortauswahl, kein Prüfschlüssel bei uns.

🏢Für Agenturen

Sie tragen nichts ins Kundenprojekt, worüber der Kunde nicht informiert ist. Was Sie kennzeichnen wollen, kennzeichnen Sie selbst – sichtbar und nachvollziehbar.

⚖️Für Behörden

Kennzeichnungspflichten aus der KI-Verordnung erfüllen Sie durch einen sichtbaren Hinweis, nicht durch eine statistische Markierung, die niemand bei Ihnen prüfen kann.

Was das nicht bedeutet

Kein Wasserzeichen ist keine Erlaubnis, Texte als selbst geschrieben auszugeben, wo das unzulässig ist. Prüfungsordnungen, Redaktionsstatute und die Kennzeichnungspflichten der KI-Verordnung gelten unverändert. Wir nehmen Ihnen die Entscheidung über die Kennzeichnung nicht ab – wir geben sie Ihnen zurück.

Und ein technischer Nachsatz

Wasserzeichen sind ohnehin fragiler, als die Ankündigungen nahelegen. Wer einen Text gründlich umschreibt, durch eine Übersetzung und zurück schickt oder Absätze mit eigenen Formulierungen mischt, schwächt die statistische Auffälligkeit so weit ab, dass der Nachweis unsicher wird.

Das Verfahren trifft also vor allem die, die es unverändert übernehmen – und das sind selten die, deretwegen es eingeführt wurde.