Das Ziel ist vollständige Unabhängigkeit von Nicht-EU-Ländern. Erreichbar ist sie heute nicht. Was erreichbar ist, steht hier – und was nicht, ebenfalls.
„Digitale Souveränität“ ist zu einem Wort geworden, das alles und nichts bedeutet. Wir halten wenig davon, es zu benutzen, und viel davon, es in Stufen zu zerlegen, die sich einzeln prüfen lassen. Vier davon gibt es.
| Stufe | Worum es geht | Stand |
|---|---|---|
| 1. Verarbeitung | Keine Anfrage verlässt das Haus. Kein Dienst im Hintergrund, keine Weiterleitung an eine fremde Schnittstelle, kein Nach-Hause-Telefonieren. | vollständig erreichbar |
| 2. Software | Betriebssystem, Serving-Stack und Werkzeuge quelloffen und ohne Telemetrie. | weitgehend erreichbar |
| 3. Modelle | Modellgewichte aus europäischer Entwicklung statt aus den USA oder China. | teilweise, mit Leistungsverlust |
| 4. Hardware | Beschleunigerkarten aus europäischer Fertigung. | nicht erreichbar |
Stufe 1: Verarbeitung – Schritt eins, und der gelingt ganz
Alles läuft lokal. Das ist keine Absichtserklärung, sondern eine Konfigurationsfrage mit einer klaren Prüfbedingung: Die Maschine, auf der das Modell rechnet, baut von sich aus keine Verbindung nach draußen auf. Kein ausgehender Verkehr, keine Namensauflösung, keine Ausnahme für „nur Aktualisierungen“.
Was damit ausgeschlossen ist:
- Keine Modell-API eines anderen Anbieters im Hintergrund – der häufigste Etikettenschwindel bei „europäischer KI“
- Keine Telemetrie der Serving-Software
- Kein Nachladen von Modellgewichten zur Laufzeit
- Keine Lizenzprüfung, die einen Server im Ausland fragt
- Keine Absturzberichte an einen Hersteller
- Keine Aktualisierungsprüfung, die verrät, welche Fassung wo läuft
Der Unterschied zu einer Zusicherung ist, dass sich das messen lässt. Wer den Ausgang sperrt und der Dienst läuft weiter, hat den Beweis. Wer ihn sperrt und etwas hört auf zu funktionieren, hat gefunden, wonach er gesucht hat. Wie das technisch aussieht, steht im Beitrag Nach Hause telefonieren.
Stufe 2: Software
Betriebssystem, Serving-Software und Werkzeuge sind quelloffen. Das ist weniger eine weltanschauliche Frage als eine praktische: Nur was man lesen kann, lässt sich vorher auf Telemetrie prüfen. Bei geschlossener Software bleibt die Netzwerküberwachung – die funktioniert auch, ist aber ein Nachweis im Nachhinein statt eines Ausschlusses im Vorhinein.
Vollständig gelingt auch das nicht. In der Firmware von Netzteilen, Netzwerkkarten und Laufwerken steckt Code, den niemand liest. Wer behauptet, seinen Stapel bis zum Blech geprüft zu haben, hat entweder ein sehr kleines Blech oder eine sehr große Behauptung aufgestellt.
Stufe 3: Modelle – hier wird es unbequem
Die stärksten offenen Modelle kommen aus den USA und aus China. Wer vollständige Unabhängigkeit will, muss auf europäische Modelle setzen – und die sind kleiner.
- Teuken-7B – OpenGPT-X, Förderung des Bundes, Apache 2.0 in der commercial-Fassung
- EuroLLM-22B – EU-Forschungsförderung, Apache 2.0
- Mistral Small 3 und Mistral Small 4 – Frankreich, Apache 2.0
- FLUX.2 [klein] – Bildmodell aus Freiburg, Apache 2.0 in der 4B-Fassung
- Apertus v1.5 70B – Schweiz, also Europa, aber nicht EU. Apache 2.0, samt Trainingsdaten
- Teuken und EuroLLM sind klein; bei mehrstufigen Aufgaben merkt man das deutlich
- Mistral ist gut, aber nicht auf dem Niveau der größten Modelle
- Beim Programmieren gibt es derzeit kein europäisches Modell der Spitzenklasse
- Bei Bild und Ton ist die Lücke am größten
Ein Modell aus China ist auf eigener Hardware kein Datenschutzproblem. Es ist eine Datei mit Zahlen und baut keine Verbindung auf. Die Herkunft ist eine Frage der Unabhängigkeit von Lieferketten und der inhaltlichen Prägung – nicht des Datenabflusses.
Wer beides vermengt, argumentiert an der Sache vorbei und entscheidet am Ende aus dem falschen Grund. Deshalb steht bei jedem Modell im Katalog das Herkunftsland: nicht als Warnung, sondern damit Sie selbst entscheiden können, welche der beiden Fragen für Sie zählt.
Stufe 4: Hardware – das geht nicht, und wir sagen es
Die Beschleunigerkarten, auf denen Sprachmodelle wirtschaftlich laufen, stammen von einem US-Hersteller und werden überwiegend in Taiwan gefertigt. Eine europäische Alternative in vergleichbarer Leistungsklasse gibt es nicht – nicht am Markt und nicht in absehbarer Zeit.
Wer vollständige Unabhängigkeit von Nicht-EU-Ländern als Bedingung setzt, kann keinen KI-Dienst einsetzen. Auch unseren nicht. Das ist keine Bescheidenheit, sondern der Stand der Technik – und ein Anbieter, der Ihnen etwas anderes erzählt, hat entweder nicht nachgedacht oder hofft, dass Sie es nicht tun.
Was bleibt, ist die Unterscheidung zwischen Herkunft der Hardware und Kontrolle über die Verarbeitung. Die erste lässt sich nicht auflösen. Die zweite vollständig – und sie ist die, auf die es datenschutzrechtlich ankommt. Eine Karte aus Taiwan in einem Schrank in Deutschland verarbeitet Daten in Deutschland.
Warum das für Behörden zählt
Weil die Frage in Vergabeunterlagen meist als Ja-oder-Nein gestellt wird und keines von beidem die richtige Antwort ist. Wer „vollständige digitale Souveränität“ verlangt, bekommt entweder kein Angebot oder ein unehrliches.
Brauchbar wird die Anforderung, wenn sie nach Stufen fragt:
- Verlässt eine Anfrage den Verantwortungsbereich des Anbieters? Diese Frage muss ein Anbieter mit Nein beantworten können – und erklären, wodurch er es sicherstellt.
- Steht eine fremde Modell-API dahinter? Die Frage, die den meisten „europäischen“ Angeboten das Genick bricht.
- Welche Bestandteile telefonieren nach Hause, und wohin? Antwort erwartbar, Nachweis über die Netzwerkkonfiguration.
- Aus welchem Land stammen die Modellgewichte? Hier ist eine Antwort möglich, ein Ausschluss aber selten sinnvoll.
- Aus welchem Land stammt die Hardware? Diese Frage sollte nicht als Ausschlusskriterium gestellt werden, solange es keine Antwort gibt, die irgendjemand geben kann.
Die ersten drei sind Ausschlusskriterien, die etwas taugen. Die letzten beiden sind Angaben, die in eine Akte gehören.
Der Stand in einem Satz
Stufe 1 ist das, was zum Start gelten soll, und sie gelingt vollständig: alles lokal, kein Nach-Hause-Telefonieren. Stufe 2 weitgehend. Stufe 3 als Wahlmöglichkeit, mit benanntem Preis. Stufe 4 nicht.
Wer das für zu wenig hält, hat recht – und findet nirgends mehr. Wer es für belastbarer hält als das Übliche, ist bei der Voranmeldung richtig.
Häufige Fragen
Heißt „alles lokal“, dass der Server gar nicht am Netz hängt?
Die Maschine, auf der das Modell rechnet, nimmt Anfragen entgegen und antwortet – aber sie baut von sich aus keine Verbindung nach außen auf. Ausgehender Verkehr ist gesperrt, Namensauflösung ebenso. Aktualisierungen und neue Modellgewichte werden bewusst und beaufsichtigt eingespielt, nicht im laufenden Betrieb nachgeladen.
Ist ein chinesisches Modell nicht ein Widerspruch zur Unabhängigkeit?
Zur Unabhängigkeit von Lieferketten ja, zum Datenschutz nein. Ein Modell ist eine Datei mit Zahlen; es telefoniert nicht nach Hause. Wer beides trennt, kann eine sinnvolle Entscheidung treffen – wer es vermengt, entscheidet aus dem falschen Grund. Das Herkunftsland steht bei jedem Modell im Katalog.
Warum nicht gleich ausschließlich europäische Modelle?
Weil damit ein Teil der Aufgaben nicht mehr lösbar wäre. Beim Programmieren gibt es derzeit kein europäisches Modell der Spitzenklasse, bei Bild und Ton ist die Lücke noch größer. Wer diesen Preis zahlen will, kann ihn zahlen: Im Behördentarif lässt sich die Auswahl auf europäische Modelle beschränken.
Können Sie die Unabhängigkeit nachweisen?
Für Stufe 1 ja, und zwar messbar: gesperrter ausgehender Verkehr, protokollierte Ausnahmen, Netzwerkmitschnitt auf Anfrage. Für Stufe 4 nein – dort gibt es auch nichts nachzuweisen. Die Karten kommen nicht aus Europa, und genau so steht es in den Unterlagen.